Du hast ständig Verspannungen? Was unterdrückte Emotionen damit zu tun haben

Du hast ständig Verspannungen? Was unterdrückte Emotionen damit zu tun haben
Bildquelle: Pexels

Hast du häufig Verspannungen im Körper, zum Beispiel in den Schultern, nachdem du lange im Büro gearbeitet hast? Oder spürst du öfter mal einen Druck oder eine andere Art von Widerstand im Hals, im Zwerchfell oder auch ganz woanders?

Was ist, wenn ich dir sage, dass unterdrückte Emotionen häufig die Ursache für körperliche Verspannungen sind? Lies weiter und untersuche mit mir zusammen, ob hinter dieser Behauptung etwas Wahres steckt.

Dieser Artikel ist inspiriert von dem Buch „Wege zum Selbst“ von Ken Wilber. Ich fand seine Beschreibung zu den Themen Verspannungen, Blockaden und Widerstände so interessant, dass ich hier einige seiner Gedanken aufgreifen und mit meiner subjektiven Sichtweise vermengen möchte.

Wie kommt es, dass Emotionen Verspannungen im Körper verursachen?

Essenziell ist hier die Grenze zwischen dem Willkürlichen (dem „Ich“ im Sinne von Verstand oder Geist) und dem Unwillkürlichen (dem Körper), die Ken Wilber folgendermaßen beschreibt:

„Das Ich ist der Sitz der Beherrschung, der Manipulation, der willkürlichen und gewollten Aktivität. […] Der Körper ist jedoch im Grunde eine wohl geordnete Ansammlung von unwillkürlichen Prozessen, des Blutkreislaufs, der Verdauung, des Wachstums und der Differenzierung, des Stoffwechsels usw.“

Er beschreibt außerdem, dass wir alle selbst die Grenze zwischen dem Ich und dem Körper geschaffen haben. Jede Emotion, die uns überkommt, möchte sich gerne über den Körper ausdrücken. Da wir jedoch einige Gefühle nicht zeigen möchten, weil sie beispielsweise gesellschaftlich nicht akzeptiert sind, und weil das Ich die Kontrolle zu gewinnen versucht, wird der körperliche Ausdruck der Emotion unterdrückt.

Bildlich gesprochen befiehlt das Ich dem Körper, eine andere Muskelgruppe zu aktivieren, die Druck gegen die ursprünglich zu aktivierende Muskelgruppe ausüben soll, um die Bewegung zu verhindern.

Du hast sicherlich auch schon mal erlebt, dass eine Emotion nicht mehr gehalten werden konnte und sich angestaute Wut oder Trauer breit machte und beispielsweise die Tränen flossen. In diesem Fall konnte die Emotion nicht mehr unterdrückt werden, weil sie sich zu sehr angestaut hat.

Warum ist das so?

Es greift ganz einfach ein normales physikalisches Gesetz: Druck erzeugt Gegendruck. Und irgendwann kann der Körper diesem Druck eben nicht mehr standhalten. Aber solange es einen Druck gibt, besteht auch eine körperliche Verspannung.

Wie kann ich mir all meiner Verspannungen wieder bewusst werden?

Und wieso überhaupt wieder bewusst werden?

Weil wir über die Jahre meistens verlernt haben, den Körper an den verspannten Stellen noch zu spüren. Wir haben diese Stellen quasi verdrängt. Deswegen sind wir uns nicht mehr aller Verspannungen bewusst.

Um wieder ein Gefühl für den Körper zu bekommen, finde ich Sport in jeglicher Hinsicht sehr hilfreich. Sei es nun Joggen, Kraftsport oder Fußball.

Alle Sportarten führen nach einer gewissen Übungszeit zu einem verbesserten Körpergefühl. Du kannst auch spezielle Übungen machen, die deine Achtsamkeit für den Körper erhöhen. Hierzu kann ich insbesondere Yoga empfehlen, aber auch eine regelmäßige, klassische Meditation kann helfen, wenn du während der Übungszeiten jede einzelne Zelle deines Körpers scannst.

Ich möchte an dieser Stelle noch kurz Ken Wilbers Ansatz beschreiben:

  1. Lege dich flach mit geschlossenen Augen auf den Boden, die Hände seitlich neben den Körper liegend.
  2. Versuche nicht, irgendeine Empfindung zu erzwingen, sondern fühle ganz neutral in deinen Körper hinein.
  3. Richte deine Aufmerksamkeit nach und nach in einzelne Teile deines Körpers. Fange zum Beispiel bei deinen Schläfen an und gehe runter zu deinen Augen, deinem Kiefer, Hals, Schultern, Arme, Brust. Von dort aus über den Bauch zu deinem Rücken in deine Beine hin zu deinen Füßen. Lasse dir dabei genug Zeit, um alle Körperteile ganz bewusst zu spüren.
  4. Fange nun an, ganz tief in deinen Bauch hineinzuatmen, so als wolltest du einen großen Ballon in deiner Körpermitte so weit füllen, wie es geht. Versuche bei den ersten fünf Einatmungen die Lebenskraft des Atems nach unterhalb des Bauches in die Hüften und Beine zu lenken. Die darauf folgenden fünf Atemzüge versuchst du dann die Lebenskraft vom Bauch aus nach oben in den Brustkorb, Hals, Arme und den Kopf zu lenken.
  5. Wenn du dies lange und bewusst genug machst, ist es möglich, dass du an einigen Stellen das Gefühl hast, eine Blockierung oder einen Druck zu spüren. Ein gutes Indiz für eine subtile Verspannung.

Dieser Ansatz ist natürlich im Buch von Ken Wilber etwas detaillierter beschrieben.

Welche Verspannung könnte für welche unterdrückte Emotion stehen?

Als Überblick zähle ich dir die Orte der Verspannungen mit ihrer jeweils möglichen unterdrückten Emotion auflisten. Auch sie stammen aus dem genannten Buch:

  • Augenumgebung: Möglicherweise hältst du das Verlangen zu weinen zurück.
  • Schläfen: Vielleicht beißt du unbewusst die Zähne zusammen, um dich am Schreien, Brüllen oder sogar am Lachen zu hindern.
  • Schultern und/oder Nacken: Dies könnte auf einen unterdrückten Ärger, Wut oder Feindseligkeit hinweisen.
  • Zwerchfell: Vielleicht hältst du unbewusst deine Atmung in Schach, um allgemeine unberechenbare Gefühlsausbrüche zu beherrschen.
  • Unterbauch und Beckenboden: Unterdrückung der Sexualität.
  • Beine: Eine Verspannung oder Kraftlosigkeit in diesem Bereich soll auf einen Mangel an Verwurzeltsein, Stabilität, Gegründetheit oder Gleichgewicht im Allgemeinen hinweisen.

Dies ist sicherlich keine vollständige Liste, aber sie gibt ein Gefühl dafür, wo man Verspannungen spüren kann und was diese bedeuten können.

Was kann ich tun, um eine Verspannung zu lösen?

Sicher ist es sehr wirksam, zu einem Masseur oder einem Physiotherapeuten zu gehen, wenn du nur kurzzeitig verspannt bist oder tatsächlich einfach nur einen Krampf hast, der rein körperliche Ursachen hat. Sollte die Verspannung, der Druck oder die Blockade aber schon lange bestehen, sind andere Mittel notwendig. Wie dieser Artikel bereits vermuten lässt, solltest du dich an die Ursache der Verspannung wenden, nämlich an die dahinterliegende Emotion.

Werde dir deiner unterdrückten Emotionen bewusst und lasse ihrer natürlichen körperlichen Reaktion freien Lauf, natürlich ohne dich selbst oder jemand anderen dabei zu verletzen.

Versuche auch mal, dich mit deinen Verspannungen an dein Unterbewusstsein zu wenden.

Spürst du, dass sich eine langjährige Wut oder ein Ärger in dir aufgestaut hat? Dann nimm dir ein Kissen deines Bettes oder Sofas und lass mal so richtig Dampf ab. Schlage eine volle Minute so fest du kannst gegen dieses Kissen und schreie deinen Ärger heraus. Spüre die aufkommende Hitze und die Vitalität, die plötzlich in dir aufsteigen. Und dann, wenn du dich ausgepowert hast, setz dich einen Moment hin, schließe die Augen und atme tief durch. Spürst du, wie lebendig und ausgeglichen du dich nach einer kurzen Pause auf einmal fühlst?

Wenn dir nach Weinen zu Mute ist, dann mach dir einen sehr traurigen Film an und schaue ihn alleine. Und dann lass die Tränen einfach mal zu. Es kann auch helfen, wenn du dir selbst fünf Minuten im Spiegel tief in die Augen schaust und dein Gesicht in all seinen Facetten wahrnimmst. Es kann vorkommen, dass du dich auf einmal an eine Emotion erinnerst, die dich zum Weinen bringt. Lass es zu. Und fühle dich ein paar Minuten später deutlich besser.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.